Praxisfälle

Chronische Schmerzen

Das Anliegen

Der Klient kommt mit chronischen Schmerzen — nach einer langen Odyssee schulmedizinischer Versuche, oft mit einer Zuweisung von frustrierten ärztlichen Kolleginnen, die selbst nicht mehr weiterwissen. Er erlebt sich als hilflos ausgeliefertes Opfer eines Geschehens, auf das er keinen Zugriff hat; die einzige verbliebene Hoffnung schien lange in Schmerzmitteln zu liegen, die aber nicht mehr griffen und die Schmerzen teils sogar verstärkten. Hinzu kommt eine hohe Verantwortungslast: Er definiert sich als „Macher“, der alles allein tragen will, und die Schwangerschaft seiner Partnerin setzt ihn zusätzlich unter Druck — er müsse funktionieren, egal wie es ihm gehe.

Der hypnosystemische Blick

Schmerz wird nicht als Defizit gedeutet, sondern als rein unwillkürliches, sinnhaftes Geschehen — eine wertvolle, wenn auch unangenehme „Feedback-Kompetenz“ des Körpers, die die Aufmerksamkeit auf den bedürftigen Bereich lenkt, um das Überleben zu sichern. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Schmerzimpuls und Schmerzverarbeitung: Die erlebte Wucht entsteht nach der Gate-Control-Theorie nie allein aus dem feuernden Nervenimpuls, sondern aus einem Konglomerat von aktuellem Impuls, erinnertem Schmerz (Schmerzgedächtnis) und befürchtetem Zukunftsschmerz. Je stärker die Aufmerksamkeit sich verengt, desto größer die Intensität. Der Schmerz selbst bleibt eine Restriktion, die der Klient nicht auslöschen kann — seine Selbstwirksamkeit liegt im Umgang damit. Konsequent wird nicht psychosomatisiert, sondern somatopsychisch gearbeitet, damit das körperliche Leid ernst genommen und nicht als Anschuldigung erlebt wird.

Im Prozess

Zunächst wird die Zuweisungsdynamik geklärt und dem Klienten viel wertschätzender Raum gegeben — gerade weil chronischer Schmerz oft mit brutaler Einsamkeit einhergeht. Offen wird verhandelt, dass kein Verschwinden des Schmerzes versprochen werden kann; statt Psychoedukation gibt es Erwachsenen-Weiterbildung, die über Alltagsbeispiele und die Traum-Analogie plausibel macht, wie mentale Prozesse den Körper beeinflussen. Über „metaphorisches Reframing“ werden die albtraumartigen inneren Bilder erst als angemessene Körperreaktion gewürdigt und dann schrittweise mit Ressourcen angereichert. Sein Selbstbild als „Macher“ wird immer wieder aufgegriffen und wirkt wie ein hilfreicher Trigger. In der Folgesitzung — nach einer Rückfallwoche — wird das Scheitern utilisiert: Er entdeckt, dass er die Schmerzintensität durch vorwurfsvollen Selbstumgang aktiv verstärken kann, also auch beeinflussen kann. Die Technik „Reden in der dritten Person“ lässt ihn sich selbst als fairer, mitfühlender Freund beobachten. Das soziale System, die Partnerin, wird rein hypothetisch durchgespielt; sein Widerstand dagegen wird als kompetente Verteidigung seiner Werte geachtet. Zum Schluss stehen symbolische Erinnerungshilfen für den Alltag: ein Rohrstock für den harten, ein kleines Bett für den fürsorglichen Umgang mit sich — als Wahlmöglichkeit, nicht als Pflicht.

Was bleibt

Die übertragbare Lektion: Schmerz lässt sich nicht per Knopfdruck wegmachen, aber der Umgang mit ihm ist gestaltbar — und genau dort liegt die Selbstwirksamkeit. Zentrales Metaziel ist nie, etwas wegzumachen, sondern Wahlmöglichkeiten zu erweitern. Wie ein Sisyphus-Thema kann die Herausforderung jeden Morgen neu beginnen; entscheidend ist, dass der Mensch sich dabei nicht noch selbst bestraft, sondern lernt, sich mit Verständnis zu begleiten — was allein schon wie Heilsalbe wirkt.

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