Das Anliegen
Eine Klientin kommt mit dem Wunsch, das Rauchen aufzugeben; nebenbei erwähnt sie, dass sie auch viel trinke. Damit beschreibt sie zunächst ein klassisches Defizitziel: „nicht mehr rauchen“. Aus hypnosystemischer Sicht ist das eine denkbar ungünstige Zielformulierung, denn die bewusst-willentliche Instanz („ich will nicht mehr“) steht dabei in einem antagonistischen, fast kampfartigen Verhältnis zu einem viel stärkeren unwillkürlichen Prozess, der sie immer wieder zur Zigarette greifen lässt. Zum Problem wird das Rauchen nicht durch das Rauchen selbst, sondern durch diese innere Ist-Soll-Diskrepanz. Der erste Schritt ist deshalb keine Symptombekämpfung, sondern eine sorgfältige Auftragsklärung: Was soll an die Stelle des Rauchens treten — nicht, was aufhört, sondern was an erfülltem Erleben beginnt.
Der hypnosystemische Blick
Sucht wird hier nicht als Krankheit oder Defizit verstanden, sondern als kompetenter, sinnhafter Lösungsversuch. Die Kernthese: Hinter jeder Sucht steht eine Sehnsucht — nach ersehntem Erleben. Man raucht nicht, man raucht für etwas: für Weite, für eine veränderte Atmung, für ein Gefühl von Größe, Kraft, Beweglichkeit und Autonomie. Das Suchtmittel ist bloß das Mittel; getragen wird es vom fundamentalistischen Glauben „ich brauche dieses Erleben unbedingt, kriege es aber nur so“. Häufig zeigt sich dahinter ein Schwarz-Weiß-Muster: eine enorm pflichtbewusste, perfektionistische Seite, die kaum Hingabe und Verbundenheit zulässt — und die Sucht wird zum Koalitionspartner, der den Zugang zum bislang Verbotenen endlich öffnet. So betrachtet ist das Verhalten nicht dumm, sondern klug in seiner verzweifelten Logik.
Im Prozess
Statt das Symptom zu bekämpfen, wird würdigend erarbeitet, wofür geraucht wird. Aus dem abgewerteten „Rauchen“ wird umbenennend ein „Tai-Chi-artiges Ritual für Tiefenatmung, Autonomie und Bewegungsfreiheit“. Über ein Rollenspiel erlebt die Klientin genau dieses Erleben ohne Zigarette — womit der alte Glaube, es sei nur mit dem Mittel erreichbar, ins Wanken gerät. Zentral ist das Anregen von Ambivalenz und das Seitenmodell: Nicht die ganze Person raucht, eine Seite will etwas anderes. Der Berater übernimmt externalisierend die Rolle der „vernünftigen Seite“ und macht spürbar, wie der Druck „hör sofort auf!“ selbst Angst und Rückgriff erzeugt. Automatismen werden durch Musterunterbrechung gelockert — etwa das Rauchritual mit „falscher“ Hand und kalter Zigarette durchzuspielen. Als die Klientin beim Thema Alkohol deutlichen Widerstand zeigt, wird dieser nicht überfahren, sondern als Zeichen einer autonomen Person utilisiert: Der Auftrag bleibt beim Rauchen, das Trinken wird zur würdevoll gestalteten Übergangshilfe.
Was bleibt
Die übertragbare Lektion: Nicht Abstinenz ist das Ziel, sondern erweiterte Wahlmöglichkeiten, Würde und Selbstbestimmung. Wer die Sehnsucht hinter der Sucht ernst nimmt und das ersehnte Erleben aus der Person selbst heraus erfahrbar macht, löst die zwanghafte Koalition zwischen Sehnsucht und Suchtmittel — ganz ohne Entwürdigung. Ressourcen entstehen nicht durch mehr Leidensdruck, der eher lähmt, sondern durch Würdigung schlummernder Kompetenzen. Und ein Rückfall ist kein Zurückfallen, sondern eine „Ehrenrunde“: das vorübergehende Aussetzen bereits bewiesener Fähigkeiten, aus dem sich lernen lässt.
