Das Anliegen
Die Klientin, eine Grundschullehrerin, erlebt sich massiv unter Druck und stark verängstigt. Bevorstehende Aufgaben — ein Elternabend, eine Klassenfahrt — werden unwillkürlich mit der Fantasie verbunden, dass „das Schlimme, Ungewollte“ wieder passieren könnte. Innerhalb von neun Monaten hatte sie dreimal eine sogenannte Panikattacke. Ihr Auftrag ist zunächst der übliche: Die Angst soll ausgemerzt werden, ganz verschwinden. Auffällig ist die selektive Wahrnehmung — die vielen bewältigten Monate geraten völlig aus dem Blick, nur die drei Episoden bleiben im Fokus, verbunden mit der Hochrechnung: „Bestimmt kommt es wieder.“
Der hypnosystemische Blick
Angst und Panik werden nicht als Defizit oder Krankheitseinbruch verstanden, sondern als autopoietisch, also selbst erzeugte, unwillkürliche Prozesse — niemand macht sie absichtlich, doch ehe es geschieht, inszeniert der Organismus sie fast wie eine selbsthypnotische Maßnahme. Angst braucht immer eine Zukunftsfantasie: „Wer Angst hat, hat Zukunft.“ Nicht die Vergangenheit erzeugt sie, sondern eine in der Gegenwart imaginierte, massiv bedrohliche Zukunft, gekoppelt an das Gefühl, dabei hilflos, ausgeliefert und ohne Verbundenheit zu sein. Diese Fantasie wird eng, nah und mit „Röhrenblick“ erlebt, während der ebenso wenig widerlegbare Möglichkeitenraum — es könnte auch gut ausgehen — ausgeblendet wird. Zusätzlich findet sich stets eine zweite, abwertende Seite, die auf die Angst mit perfektionistischem Druck reagiert. Die Person „hat“ also nicht Angst, sondern erlebt eine ängstliche Seite. Bei Panikattacken läuft dieselbe Dynamik, nur so vom bewussten Denken dissoziiert, dass nur noch Körperreaktion und Emotion wahrgenommen werden.
Im Prozess
Am Anfang steht viel wertschätzendes, empathisches Begleiten (Pacing) der hilflosen, ausgelieferten Seite — ohne Druck zur schnellen Veränderung. Dann wird die Sprachregelung verschoben: statt „ich, ich, ich habe Angst“ das Reden von „einer Seite“. Für die therapieunerfahrene Klientin zunächst wesensfremd, doch im Ausprobieren zeigt sich sofort mehr Weite — passend dazu, dass „Angst“ wortverwandt mit „Enge“ ist. Neben der ängstlichen wird eine wütende Seite sichtbar. Die bedürftige, altersregressive Seite wird ins Bild eines kleinen sechsjährigen Mädchens übersetzt, was die Haltung fast von allein von Abwertung zu Mitgefühl wandelt. Der entscheidende Schritt ist das Reframing des Symptoms als Botschafter von Bedürfnissen — nach Schutz, Sicherheit, Handlungsfähigkeit, Zugehörigkeit, Würde und Autonomie. Konkret geübt werden körperliche Interventionen — Atmung, Körperhaltung, Gestik ändern —, die den Zugang zu Ressourcen bahnen und neu mit der auftauchenden Panikdynamik vernetzt werden. In der zweiten Sitzung, in der sich bereits vieles gebessert hat, wirbt der Therapeut darum, dass die Angst wiederkommen darf, denn die Angst vor der Angst ist eine zentrale erhaltende Komponente.
Was bleibt
Die Zukunft lässt sich nicht kontrollieren, und die Panikattacke ist ohnehin endlich — maximal etwa zwanzig Minuten. Darum ist das Ziel nicht, die Angst auszumerzen, sondern anders mit ihr umzugehen und ihre Botschaft zu nutzen: Aus einer bedrohlichen Erregung wird ein wertzuschätzender „Leibwächter“. So verwandeln sich gerade Angst und Panik in besonders wertvolle Individuations- und Autonomieförderungsprogramme — Wege zurück zu Selbstbestimmung, Wahlmöglichkeiten und Würdigung der eigenen Bedürfnisse, mitten in bleibender Ungewissheit.
