Praxisfälle

Trauma

Das Anliegen

Der Klient kommt nach vierzig Jahren. Als Dreizehnjähriger erlebte er auf einer Sportfahrt am Abend seines Geburtstags sexuelle Gewalt durch einen erwachsenen Trainer, dem er vertraut hatte. Er hat nie darüber geredet — aus Scham, aus Einsamkeit, weil es damals ein Tabu war und weil er niemanden hatte. Die Erfahrung hat sein ganzes weiteres Leben belastend geprägt: sein Selbstbild, sein Sich-in-der-Welt-Bewegen, vor allem seine Beziehungen zu Frauen, in denen Versagensängste und das Gefühl auftauchten, „schmutzig“ zu sein. Jetzt steht er in einer neuen, ihm wichtigen Beziehung und fürchtet, dass wieder alles scheitern könnte. Sein Wunsch: freier, offener und entspannter lieben zu können — und sich der Partnerin irgendwann anvertrauen zu dürfen.

Der hypnosystemische Blick

Aus hypnosystemischer Sicht wirkt ein Trauma nicht, weil es damals geschah, sondern weil es heute wieder ins Zentrum der inneren Aufmerksamkeit gerückt wird — ein unwillkürlich, „autopoietisch“ erzeugter Prozess der Gegenwart, keine lineare Ursache-Wirkung aus der Vergangenheit. Das Vergangene ist eine sehr starke Einladung, kein Zwang. Die Fragmentierung und Dissoziation im Moment der Gewalt war ein hochkompetenter, lebenserhaltender Überlebensversuch; erst wenn er sich generalisiert, führt er zu Flashbacks. Entscheidend ist die Unterscheidung: Nicht die ganze Person ist Opfer — in dem Moment war sie es, und das muss gewürdigt werden, doch heute verfügt sie über Gestaltungsfähigkeit. Wer solch Brutales überlebt hat, muss enorme Überstehkompetenzen besitzen. Der Fokus gehört deshalb im Sowohl-als-auch auf das Erlittene und auf diese Fähigkeiten.

Im Prozess

Als der Klient sich beim Erzählen wieder ins leidvolle Erleben hineinredet — eine unwillkürliche Selbstinduktion —, unterbricht der Therapeut behutsam auf der Metaebene und baut mit ihm zuerst eine Steuerposition auf: Der Klient betrachtet das Geschehene wie einen Film, aus zehn Metern Entfernung, hinter einer Glasscheibe, in aufgerichteter Haltung. So entsteht dissoziative Distanz mit Handlungsfähigkeit — mehr als nur ein sicherer Ort. Aus diesem Schutz heraus kann er dem Jungen von damals mit Mitgefühl begegnen und ihn von jeder Scham freisprechen: Nicht er hat etwas getan, ihm wurde etwas angetan. Zentral ist die Würdigung der Überstehkompetenz — der Klient richtet sich auf, erlebt Würde. Schließlich wird der überflutende Trigger (der „Vulkan“) utilisiert: Er wird zum „Flashbäckchen“, zum verzweifelten Ruf des Jungen nach längst fälliger Zuwendung, mit dem der Erwachsene nun selbstwirksam umgeht. In der Folgesitzung wird die aufkommende Wut auf sich selbst — „hätte ich das doch früher gewusst“ — als Vorspiel einer erlösenden Anerkennung transformiert; sogar der damalige Rückzug aus dem Sport erweist sich als kluger, intuitiver Selbstschutz.

Was bleibt

Das Verletzendste am Trauma ist das Erleben: „Mit mir wurde etwas gemacht, ich war ausgeliefert.“ Heilung heißt darum, Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen — konsequent transparent, jeder Schritt erläutert, der Klient als „Vorgesetzter“ im Prozess, nie erneut jemand, mit dem etwas gemacht wird. Und sie heißt, das Leidvolle in seiner ganzen Wucht zu würdigen und zugleich den Blick auf die überlebende Kraft zu richten. Dann kann selbst ein wiederkehrender Flashback vom Feind zum stärkenden Besucher werden.

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